Die Lengede von Paltadepalo

 

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James Carson
Kapitel I James Carson „Während er das Peitschen des salzigen Windes auf seinem Gesicht spürte, dachte James Carson über alles, was er besaß, nach: das, was er wusste, das, was er fühlte und das, was er wollte. ”Das ist mehr als genug”, fand er und ballte voller Kraft die Faust, in der er die Würfel hielt, die er immer bei sich trug. Er kam nie zurück“

 

“Während er das Peitschen des salzigen Windes auf seinem Gesicht spürte, dachte James Carson über alles, was er besaß, nach: das, was er wusste, das, was er fühlte und das, was er wollte. ”Das ist mehr als genug”, fand er und ballte voller Kraft die Faust, in der er die Würfel hielt, die er immer bei sich trug. Er kam nie zurück.”

Von klein auf saß James Carson am Fenster seines Zimmers im Hause seiner Familie in der Grafschaft von Down und betrachtete die Nebel über Strangford Lough und seine ständig wechselnden Grün- und Blautöne, während er von fernen Meeren und exotischen Ländern träumte. Er war ein Kind voller Fantasie und  bevorzugte schon sehr bald die Geschichten und Legenden der Angestellten und Seefahrer und das Spielen in den alten keltischen Ruinen vor den Anforderungen der Erziehung, die den jungen irischen Aristokraten zuteilwurde.

Die Strenge der Klassenräumen, die Traditionen und die väterlichen Erwartungen machten bei ihm nicht so großen Eindruck, wie die Worte des Hausierers Jack Gilligan, eines Abends in einem Pub in Lisburn: ”Mein Junge, die Dinge können gut oder schlecht stehen, aber nur du bist Herr des Gesichtes, das du dazu machst. Nichts steht geschrieben”. Während er lachend davon ging, warf er zwei Würfel in die Luft: ”Sie gehören dir, mein Junge!”, sagte er zu ihm. Carson schaute sie an und verstand, dass auch er begann, sich zu entfernen.

Am Morgen des 16. Januar 1928 verabschiedeten die bleifarbenen und dichten Gewässer des Hafens von Plymouth die Excelsior. Vom Heck aus betrachteten die Passagiere, wie die Stadt langsam immer kleiner wurde.

Am Bug stand alleine ein junger, forsch und herzlich aussehender Mann, der lächelte. Hinter sich ließ er vorgezeichnete Wege, eine beneidenswerte Stellung, einen Nachnamen.

Viele verstanden es nicht. ”Er wirft seine Zukunft über Bord”, war der allgemeine Kommentar.

Während er das Peitschen des salzigen Windes auf seinem Gesicht spürte, dachte James Carson über alles, was er besaß, nach: das, was er wusste, das, was er fühlte und das, was er wollte. ”Das ist mehr als genug”, fand er und ballte voller Kraft die Faust, in der er die Würfel hielt, die er immer bei sich trug.

Er kam nie zurück.

Bei seinem Tod im Jahre 1943 kursierte unter den Seefahrern der Nordküste der Insel Java die Geschichte des Iren wie eine Legende: Er hatte die gesunkenen Galeeren der Ostindien-Kompanien gefunden und seine Männer mit dem Silber der versunkenen Schätze geschmückt, so wie dies einst die indonesischen Piraten getan hatten. Man sprach von einer alten Piraten–Tätowierung auf seinem rechten Arm und von seinem Spitznamen, Plata de Palo, wie ihn seine Freunde nannten.

Zehn Jahre später kam eine junge Frau mit orientalischen Gesichtszügen alleine nach Strangford Castle. Aufrecht stand sie einige Minuten still am Wasser. Dann nahm sie etwas von ihrem Handgelenk, führte es sich langsam an die Lippen und warf es in die See. Die rötlichen Strahlen der untergehenden Sonne ließen es glitzern, bevor es unterging. „Nichts steht geschrieben“, sagte Andrea Carson und fühlte, dass dieses Meer auch ihr Meer war.

Die Armbänder aus Edelholz, Silber und Seide waren jahrzehntelang das Merkmal all jener, die wie Carson und seine Mannschaft fern von der Sicherheit, die uns lähmt, die Herausforderung annahmen, ihre eigenen Regeln zu finden, jene, die das Abenteuer liebten, den in ihm fühlten sie sich lebendig.

 

James Carson

Kapitel II Die Legende geht weiter … „Weder Unwetter, noch Malaria, noch der Lauf der Zeit schafften es, ihn aus der Ruhe zu bringen und das Halblächeln auf seinen Lippen ersterben zu lassen.“

 

Ich brauche Männer. Zwölf sollten genug sein. Ich stelle das Schiff und das Essen. Mehr habe ich nicht. Es geht alles zu gleichen Teilen“. Dieses Angebot konnte ein ehrliches Versprechen oder die größte Falle sein. Alle wussten das. Keiner bewegte sich. Der Rauch, der in der Luft lag, wurde noch dichter. Die Excelsior ankerte in der Bucht und wartete. Wenn Juan de Mengíbar nicht seinem Blick standgehalten und sich langsam erhoben hätte, um sich neben ihn zu stellen, hätte James Carson in keiner der Schenken der Grafschaft von Down eine Mannschaft gefunden. Aber Juan de Mengíbar trat aus dem Schatten des hinteren Teils des Lokals. Und einer nach dem anderen machten elf Männer einen Schritt nach vorne. Sollte es etwas geben, was einen Mann dazu bringt, einem anderen zu vertrauen, so begriffen James Carson und Juan de Mengíbar dies in genau jenem Moment. Niemals würden sie es vergessen. Juan de Mengíbar schien nie in Eile zu sein. Er hatte auch nie schlechte Laune. Weder Unwetter, noch Malaria, noch der Lauf der Zeit schafften es, ihn aus der Ruhe zu bringen und das Halblächeln auf seinen Lippen ersterben zu lassen. Das war das Erbe seiner Kindheit im Schatten der Gassen des Judenviertels von Córdoba, in der konzentrierten Stille der Silberwerkstatt, die sein Vater von dem seinen und dieser wiederum von einer langen Reihe von Vorfahren geerbt hatte. Er pflegte auch weiterhin das Handwerk, das er von klein auf gelernt hatte und bearbeitete in der Abenddämmerung am Bug der Excelsior das Silber, das später die Männer schmücken sollte. Nur ein einziges Mal sah James Carson ihn vor im Zaun gehaltener Wut erbleichen. Dies war auf der Insel Timor. Der Tag war sehr ertragreich gewesen. Mit den indischen Händlern machte man immer gute Geschäfte. Und ihre Höflichkeit war erlesen. Als Zeichen der Freundschaft überreichte Juan de Mengíbar dem Kapitän der Madrás eine Schnalle aus Silber, die mit einer Punze versehen war. Er hingegen erhielt ein Säckchen voller Türkisen, Knochen in Perlenform, Steinen, Büffelhorn und Leder. Ein betrunkener Seemann lachte: „Firlefanz, um Kinder und Dummköpfe zum Narren zu halten“. Juan de Mengíbar nahm einen dieser perlenförmigen Knochen aus dem Sack und streichelte ihn. Er fühlte sich noch rau an. „Das gesamte, unbekannte Universum mit all seinen Überraschungen passt hier hinein, es wartet nur darauf, geformt zu werden. Die Anstrengung, derer es bedarf, eine Perle zu formen, ist die Gleiche, die man benötigt, um ein Herz zu bändigen. Das ist keine Aufgabe für Kinder oder Dummköpfe. Vergiss das nie“. Jahrelang kursierten Tausende von Gerüchten über seine Augenklappe. Man sprach von einem Duell, einer verfluchten Liebe, einem Hinterhalt in einem Gässchen in Córdoba, einer mutigen Tat, um einen Bruder zu verteidigen, sowie von einer Flucht. Manche sagten sogar, die Augenklappe sei lediglich eine Zierde. Er sagte nie etwas dazu. Nichts Genaues. Dies war Teil der Legende.

 

James Carson

 

Kapitel III Neha „Geführt von Neha, marschierten Carson und seine Mannschaft mehrere Tage lang in Richtung der Berge. Eines Nachmittags, als die Sonne bereits tief stand, pausierten sie in einem Bambuswald. Dies war ein obligatorischer Halt für alle Karawanen.“

 

 

Eine Ladung Holz wartete auf James Carson in den Bergen von Barisan. Er hatte eine Elefantenherde und einen Führer angeheuert. Sie waren im Hafen von Padang verabredet. Eine junge Frau kam auf ihn zu. Die Elefanten, die zwischen Strohballen vor sich hindösten, verfolgten jeden ihrer Schritte mit ihrem Blick. Als sie vor Carson stand, blieb auf einmal alles um ihn herum stillstehen: das bunte, lärmende Treiben des Marktes, die Schreie der Verkäufer an ihren Ständen, der Glanz des Perlmutts und der Bronze, alles, außer ihren Augen.

„Ich bin Neha. Ich werde dich in die Berge führen.“

„Du alleine? Hast du keine Angst?“

 

Sie schüttelte verneinend den Kopf. Einen winzigen Augenblick lang, ging ein Ausdruck von Hohn über ihr Gesicht. Durch eine einzige Handbewegung von ihr stellte sich ein kräftiger Elefant zwischen sie. Verlässlich, gewaltig und kampflustig. Es war Dwipa, der Anführer der Herde. Carson verstand, dass Neha nichts zu befürchten hatte.                                                                                                                     Geführt von Neha, marschierten Carson und seine Mannschaft mehrere Tage lang in Richtung der Berge. Eines Nachmittags, als die Sonne bereits tief stand, pausierten sie in einem Bambuswald. Dies war ein obligatorischer Halt für alle Karawanen. Jahrhundertelang hatten die Menschen ihre Namen mit einem Messer in die Stämme geritzt.

„Wirst du deinen Namen in den Baum ritzen?“

„Warum sollte man eine Erinnerung hinterlassen?“, fragte Carson. „Wirst du es tun?“

„Mein Name steht seit langer Zeit hier geschrieben.“

Carson schwieg. Er wusste nicht, was er schreiben sollte. James Carson? Der Ire? Plata de Palo? Keiner dieser Namen machten ihn wirklich ganz aus. Alle zusammen waren hingegen zu viel.

 

Sie kamen in den Bergen an, luden das Holz auf und kehrten nach Padang zurück. Als sie sich im Hafen verabschiedeten, gab Neha ihm ein Amulett aus Elefantenelfenbein.

„Nimm, das ist alles, was ich von dir weiß.“

 

Carson nahm das Amulett und betrachtete die Gravur auf dem kleinen runden Schmuckstück. Eine brüchige Linie, vielleicht Wellen oder die Umrisse einer Bergkette, ein Viereck, ein Kreuz, eine Pfeilspitze, ein Punkt, der präzise in der Mitte die glatt geschliffene Oberfläche durchbohrte …; er erkannte nur seine Tätowierung.

Ein Mann, umgeben von Zeichen, die er nicht verstand. Ein fremdes Land, eine junge Frau, die schwieg, weil sie zu viel wusste oder vieles zu früh erfahren hatte. Nehas Gesichtsausdruck stellte ein weiteres Rätsel dar.

 

„Werden wir uns wiedersehen?“

„Komm wieder, wenn du herausgefunden hast, was die Zeichen bedeuten.“

 

Später an Deck betrachtete Carson das Amulett und dachte, dass dieser beunruhigende, starre und tief greifende Punkt, Nehas Blick darstellte. Er begriff, dass aus seinem dunklen Inneren, genau wie aus den Augen der jungen Frau, die Fragen stammten, die er früher oder später beantworten musste.

Juan de Mengíbar goss das Schmuckstück in Silber. Die Seeleute nannten es die Münze Carsons.

 

James Carson

 

Kapitel IV Nach dem Sturm. Die Made’s. „Die Legende geht weiter. James und seine Freunde, Juan de Mengíbar, Escarrabelli und Merlone erleben neue Abenteuer auf dem Meer. Einem Meer voller Überraschungen, das sie an ihre Grenzen bringen wird.““

 

Der Sturm kam ohne Vorwarnung. In der Dunkelheit war der Lärm ohrenbetäubend und das Meer fegte über das Deck. Eine gewaltige Welle schlug ein Leck in das Schiff. Obgleich die Männer ihr Möglichstes taten, war die Excelsior tödlich getroffen und dies inmitten des Nichts. Im Lichte eines Blitzes sah Juan de Mengíbar wie Carson den Mast des Bugs streichelte, so wie jemand ein altes Pferd tätschelt, das geopfert werden muss; ein müdes und geliebtes Tier, das einen nicht mehr tragen kann und dem man ‚Auf Wiedersehen’ sagen muss. Obgleich das Schiff untergehen würde und sie es verlassen musste, schien Carson seltsamerweise glücklich.

Als es Tag wurde, ruderten die Boote Richtung Strand. Während der Stunden, die die Fahrt dauerte, wechselten sich Frank Castello und John Good am Kommando ab. Sie segelten seit vielen Jahren zusammen und waren perfekt aufeinander abgestimmt. Niemand sprach während der Fahrt und auch nicht, als sie das Land betraten. Sie suchten sich unter den Palmen am Strand einen Platz, um sich schlafen zu legen und vertrauten ihren Träumen die Schrecken der Nacht und die Ängste vor dem nächsten Tag an.

Carson erwachte bei Sonnenuntergang. Escarrabelli und Merlone sangen vor sich hin, während sie frisch gefangenen Fisch grillten. Die beiden Vetter, die seit ihrer Kindheit in Neapel unzertrennlich waren, bewahrten sich ihre schelmische Art und das sympathische, gaunerische Wesen der Straßen des Südens. Außerdem teilten sie sich einen berüchtigten Ruf als Spieler und Herzensbrecher. Einige der Männer schliefen noch. Carson schaute sich um und begriff, dass das Wichtigste gerettet war. Juan de Mengíbar kam auf ihn zu.

 

„Wir brauchen Lebensmittel. Ich hab ein paar Männer ins Landesinnere geschickt. Es gibt in der Nähe zwei oder drei Dörfer. Sie werden uns helfen“, sagte Juan de Mengíbar

„Wir müssen nach Padang zurückkehren. Es gibt dort ein Schiff und ich möchte, dass du es dir anschaust.“

„Letzte Nacht, am Mast …“

„Letzte Nacht …“

„Das war ein Abschied.“

„In all diesen Jahren war die Excelsior das Einzige, was mich an die Vergangenheit band.“

„Eine schwere Bürde?“

 

Carson zögerte einige Sekunden, bevor er antwortete. Vielleicht suchte er nach den passenden Worten, vielleicht war es schwierig laut auszusprechen, was er seit Jahren wie ein Geheimnis in seinem Inneren trug.

 

„Ich verstand es nicht, bis mir bewusst wurde, dass das Schiff unterging. Meine ganze Kindheit über träumte ich davon, von zu Hause fortzugehen. Mein Vater ist ein Mann aus einer anderen Zeit; ein tyrannischer, grausamer Mann, ein Egozentriker. Aber ich versuchte es nicht. Mein Fortgehen hätte meine Mutter noch schutzloser hinterlassen. Als sie starb, übergab mir ein alter Diener Geld, das sie heimlich zur Seite gelegt hatte. Wer weiß, seit wann und unter welcher Anstrengung. Und bei dem Geld war eine Nachricht: „James, wenn du dies liest, werden du und ich frei sein. Geh, mein Junge, verlasse diesen Ort. Als ich dir das Leben schenkte, dachte ich nicht, dass du so lange brauchen würdest, es wieder zu bekommen.“ Mit diesem Geld kaufte ich die Excelsior. Ich konnte nicht vergessen, dass es der Preis ihres Leidens war.“

„Es gibt eine Brücke auf der Insel, die eine wunderschöne Legende umgibt“, sagte Juan. „Wer die Brücke überquert, muss einen Stein vom Ufer nehmen und ihn an sein Herz halten. Man soll dem Stein Wärme schenken und ihm das Gewicht all dessen, was man hinter sich lassen möchte, übertragen. Auf der anderen Seite der Brücke wirft man den Stein dann in den Fluss. Die Eingeborenen sagen, dass dann, wenn die Steine eine solche Höhe erreicht haben, dass der Fluss nicht darüber hinwegkommt, die Menschen vollkommen glücklich sein werden.“

 

„In diesem Falle niemals.“

„Das hängt nur davon ab, wie viele Menschen ihre Vergangenheit hinter sich lassen möchten.“

„Juan, trotz des Todes meiner Mutter und dem Verlust der Excelsior …”

„Schmerzt es nicht mehr”, unterbrach ihn Juan.

„Ja. Es schmerzt nicht mehr.”

„Manchmal schenkt uns die Nähe des Todes ein neues Leben, lässt uns den wirklichen Sinn des Lebens erkennen.“

 

Juan de Mengíbar führte Carson zur Brücke. Und wartete. Als Carson zurückkam, legte Juan ihm ein Kreuz mit einem Totenkopf in die Hand: fünf Abschnitte aus Ebenholz und ein Totenkopf aus Silber.

„Norden, Süden, Osten und Westen. Der Tod in der Mitte. Aber die Welt gehört dir.”

Carson lächelte. Juan würde niemals aufhören, ihn zu verblüffen.

„Übrigens, das Schiff heißt Made’s.”

Sie gingen zusammen zurück an den Strand. Sie mussten die Männer versammeln und nach Padang zurückkehren. Ein Schiff wartete dort im Hafen auf sie, die Made’s, was ‚die Zweite’ bedeutete.

 

James Carson

Kapitel V Eine Kiste und ein Brief. Lord Brian Carson. „Lieber James, Lord Brian Carson ist tot. Eines Morgens stand er einfach nicht mehr auf. Ich kann ihn nicht Vater nennen, denn das war er nie. Die Tränen, die ich vergossen habe, waren nicht aus Trauer. Ich habe wegen Mama, wegen Dir und wegen mir geweint. Wegen der Anstrengungen, die es uns gekostet hat, uns von seinem Einfluss fernzuhalten. Ich schicke dir ein paar alte Bilder, die ich nicht anschauen möchte. Entscheide du, ob sie für den Meeresboden bestimmt sind.“ 

James Carson erhielt Nachrichten aus Irland. Seine Schwester Claire schickte ihm ein Paket mit einem Brief und einer Kiste, die persönliche Gegenstände seiner Mutter enthielten und alte Erinnerungen und Gefühle erweckten.

 

An jenem Nachmittag, als sie in Surabaya vom Schiff gingen, war die Stimmung der Mannschaft hervorragend. Nach einem Gefecht mit einem Piratenschiff von der Insel Madura, kehrten sie vergnügt und aufgeregt zurück, denn die Beute bestand aus den berühmten Totenköpfen, in Hirschgeweih geschnitzt, die die Piraten als Zeichen ihrer eigenen Stärke um den Hals trugen und die Juan de Mengíbar nun in seiner Ledertasche aufbewahrte. Sie betraten eine der Hafenschenken.

„Ich habe etwas für dich, Ire,“ sagte Marcus Stanley, ein Händler für exotische Hölzer und alter Freund Carsons, in dessen Kontor die wenigen Briefe und Sendungen ankamen, die die auf Java tätigen Europäer erhielten.

 

Ein sorgfältig geschnürtes und versiegeltes Paket und sein Name, in der unverkennbaren, kräftigen Schrift Claires. Carson setzte sich. Er trank mit seinen Männern, die jedem, der es hören wollte, von ihrer Begegnung mit den Piraten erzählten. Bei Einbruch der Nacht kehrten sie auf das Schiff zurück. Als es dunkel wurde, setzte sich Carson an den Mast und öffnete das Paket. Es enthielt eine Kiste und einen Brief. Einen Moment lang zögerte er. Dann öffnete er die Kiste. In der Schwärze der Nacht, die durch eine Kerze kaum erhellt wurde, konnte der Silberspiegel seiner Mutter das Abbild Carsons nicht wiedergeben, dessen Augen sich mit Tränen füllten, als er ihn nach so langer Zeit wieder in den Händen hielt. Das Album mit den Familienfotos lag am Boden der Kiste. Bekannte und meist vergessene Gesichter. Er blätterte zügig durch die Seiten, bis er auf ein Porträt Claires stieß, das sie bereit für ihren ersten Ball, glücklich und mit einem kaum zu unterdrückenden Lächeln zeigte. Von dem Weiß ihres Kleides hob sich ein Granatencollier ab, das ihre Mutter ihr für diese Gelegenheit geliehen hatte. Einige Minuten lang konnte Carson den Blick nicht von dem Porträt abwenden. Als er es schließlich tat, riss er den Umschlag mit zitternder Hand auf und spürte die Stimme seiner Schwester, als er las:

„Lieber James, Lord Brian Carson ist tot. Eines Morgens stand er einfach nicht mehr auf. Ich kann ihn nicht Vater nennen, denn das war er nie. Die Tränen, die ich vergossen habe, waren nicht aus Trauer. Ich habe wegen Mama, wegen Dir und wegen mir geweint. Wegen der Anstrengungen, die es uns gekostet hat, uns von seinem Einfluss fernzuhalten. Ich schicke dir ein paar alte Bilder, die ich nicht anschauen möchte. Entscheide du, ob sie für den Meeresboden bestimmt sind. Mein Leben füllt sich von nun an mit fröhlichen Landschaften und lächelnden Gesichtern. Ich möchte, dass du Mamas Spiegel aufbewahrst, den Spiegel, in den sie uns als wir klein waren blicken ließ, denn sie sagte, dass er nur das Gute widerspiegelte. Viel Glück, mein Bruder. In Liebe. Claire.”

 

Das Salz des Meeres schien sich auf Carsons Lippen gelegt zu haben. Doch es waren in Wirklichkeit seine Tränen. Warme und stille Tränen, hervorgerufen durch die Erinnerung an Claire. Diesen Tränen folgten jedoch bald weitere, viel düsterere Tränen.

 

Lord Brian Carson, Graf von Down, hatte nie Freunde. Er versuchte es noch nicht einmal. Sie fehlten ihm auch nicht. Er bevorzugte es, um sich herum einen Kreis aus Hass und Angst zu schaffen, denn dadurch sicherte er sich eine blinde Untertänigkeit. Seine Familie bildete dabei keine Ausnahme. Seine späte Eheschließung mit Dorothy O’Connell war allein das Ergebnis eines Kalküls, andere Aspekte spielten keine Rolle. Die O’Connell waren ruiniert, er war reich und wollte Nachkommen, die den Fortbestand seines Nachnamens sicherten. Das Werben um die Braut reduzierte sich auf eine geschäftliche Unterhaltung mit seinem zukünftigen Schwiegervater und die Verlobung wurde mit einem kalten Händedruck besiegelt, bei dem die Braut nicht einmal anwesend war.

 

Dorothy akzeptierte die väterliche Anweisung, denn dadurch sicherte sie das Überleben ihrer Familie. Nach einer traurigen Hochzeit ohne Gäste zog sie in das Haus, das von diesem Moment an ihr Zuhause sein würde: ein riesiges, trostloses Herrenhaus. Sollte der cholerische und brutale Charakter ihres Mannes einen Vorteil haben, dann den, dass er bei all jenen, die sie umgaben, eine ehrliche Zuneigung Dorothy gegenüber hervorrief.

 

Nach der Geburt Claires, der Erstgeborenen, wurde Lord Brian noch schweigsamer. Er wollte einen Sohn. Er war enttäuscht und lehnte es ab, diesem lächelnden Geschöpf auch nur die mindeste Aufmerksamkeit zu widmen. So traf Claire nie auf die ausgebreiteten, wartenden Arme ihres Vaters, als sie anfing zu laufen. Die Geburt James, drei Jahre später, milderte seinen Charakter jedoch auch nicht. Im Gegenteil, er wollte aus dem Jungen ein Ebenbild seiner eigenen Besessenheit, Abgeschiedenheit und Strenge machen.

 

James wuchs unter der ständigen Beobachtung seines Vaters auf, der keine Gelegenheit versäumte, ihm die schwierigsten Aufgaben zu stellen und ihn mit der strengsten Härte zu behandeln. Die Vormittage, an denen Lord Brian sich der Verwaltung seiner Besitztümer widmete, stellten den einzigen Moment des Glückes für den Rest der Familie dar. Dorothy, Claire und James spielten, lachten und umarmten sich mit der Gewissheit, dass sie diese Momente dem Elend des restlichen Tages abgerungen hatten.

 

Während er den Lehrplan für James entwarf, der seiner Meinung nach eine besorgniserregende Anhänglichkeit gegenüber seiner Mutter und seiner Schwester aufwies, beschloss Lord Brian den Jungen in einen Gladiator zu verwandeln. Rugby und Boxen waren die erwählten Sportarten. Etwas später kam dann auch Fechten hinzu, ein Zugeständnis an die wachsende Mode in der Oberschicht. James genoss den Umgang mit den anderen Jungen in den langen Trainingsstunden und den Rugbyspielen. Er liebte das intelligente Spiel des Fechtens, doch fühlte er sich nie wohl, wenn er unter den aufmerksamen Blicken seines Vaters boxte, denn dieser forderte von ihm, fern von allen Regeln, das Verhalten einer blutrünstigen Bestie, so als ob das einzig akzeptable Ergebnis eines Kampfes die Demütigung und das Vernichten des Gegners wären.

 

Die Luft in der Sporthalle war erdrückend. An diesem Abend hatten sich Dutzende von Zuschauern eingefunden, die, nachdem sie ihre Wetten abgegeben hatten, rauchten und gemächlich aus ihren Flachmännern tranken. Es war einfach nur ein weiterer Kampf. Allein für Lord Brian Carson, der sich an den Seilen des Rings festkrallte, schien er von lebenswichtiger Bedeutung zu sein und er schrie rasend vor Wut:

 

„Benutz die Linke! Benutz die Linke! Siehst du es denn nicht? Töte diesen unnützen Maturin! Hau’ ihn endlich um!“

 

Die Stammbesucher, die sein Verhalten gewöhnt waren, nahmen ihn kaum war, doch seine Stimme bohrte sich in das Gehör von James, der Kopf schien ihm zu zerplatzen. Er wollte seine Schreie, die wie aus einem Albtraum stammten, nicht mehr hören, er wollte ihn für immer zum Schweigen bringen, ein für alle Mal. Und er benutzte die Linke mit all seiner Kraft. Als das warme Blut Henry Maturins ihm auf die Schulter spritzte, schien James wieder zu sich zu kommen. Doch er tat dies, um zu sehen, wie sein Freund zusammenbrach und unwiderruflich leblos auf der Matte liegen blieb.

 

James liebte seinen Vater nie, aber er versuchte, ihm gegenüber gleichgültig zu bleiben. Der Tod Henrys ließ jedoch seine latente und unterdrückte Wut zutage treten. Dieser Tyrann hatte aus ihm ein Wesen ohne Willen gemacht, ein Wesen ohne den nötigen Mut ‚nein’ zu sagen. James gab alles auf. Monatelang wurden zwei oder drei Spielhäuser von schlechtem Ruf zu seinem Zuhause und eine Handvoll arbeitsloser Freunde zu seiner Begleitung. Er schrie seinem Vater all das, was er jahrelang verschwiegen hatte, ins Gesicht, er warf ihm die Boxhandschuhe vor die Füße und zum ersten Mal wusste Lord Brian nicht, was er antworten sollte. Wenig später starb Dorothy und James beschloss fortzugehen. Ein Schiff, andere Orte, ein anderes Leben. Sein Leben.

 

James Carson

Kapitel V Eine Kiste und ein Brief. Lord Brian Carson. „Lieber James, Lord Brian Carson ist tot. Eines Morgens stand er einfach nicht mehr auf. Ich kann ihn nicht Vater nennen, denn das war er nie. Die Tränen, die ich vergossen habe, waren nicht aus Trauer. Ich habe wegen Mama, wegen Dir und wegen mir geweint. Wegen der Anstrengungen, die es uns gekostet hat, uns von seinem Einfluss fernzuhalten. Ich schicke dir ein paar alte Bilder, die ich nicht anschauen möchte. Entscheide du, ob sie für den Meeresboden bestimmt sind.“ 

James Carson erhielt Nachrichten aus Irland. Seine Schwester Claire schickte ihm ein Paket mit einem Brief und einer Kiste, die persönliche Gegenstände seiner Mutter enthielten und alte Erinnerungen und Gefühle erweckten.

 

An jenem Nachmittag, als sie in Surabaya vom Schiff gingen, war die Stimmung der Mannschaft hervorragend. Nach einem Gefecht mit einem Piratenschiff von der Insel Madura, kehrten sie vergnügt und aufgeregt zurück, denn die Beute bestand aus den berühmten Totenköpfen, in Hirschgeweih geschnitzt, die die Piraten als Zeichen ihrer eigenen Stärke um den Hals trugen und die Juan de Mengíbar nun in seiner Ledertasche aufbewahrte. Sie betraten eine der Hafenschenken.

„Ich habe etwas für dich, Ire,“ sagte Marcus Stanley, ein Händler für exotische Hölzer und alter Freund Carsons, in dessen Kontor die wenigen Briefe und Sendungen ankamen, die die auf Java tätigen Europäer erhielten.

 

Ein sorgfältig geschnürtes und versiegeltes Paket und sein Name, in der unverkennbaren, kräftigen Schrift Claires. Carson setzte sich. Er trank mit seinen Männern, die jedem, der es hören wollte, von ihrer Begegnung mit den Piraten erzählten. Bei Einbruch der Nacht kehrten sie auf das Schiff zurück. Als es dunkel wurde, setzte sich Carson an den Mast und öffnete das Paket. Es enthielt eine Kiste und einen Brief. Einen Moment lang zögerte er. Dann öffnete er die Kiste. In der Schwärze der Nacht, die durch eine Kerze kaum erhellt wurde, konnte der Silberspiegel seiner Mutter das Abbild Carsons nicht wiedergeben, dessen Augen sich mit Tränen füllten, als er ihn nach so langer Zeit wieder in den Händen hielt. Das Album mit den Familienfotos lag am Boden der Kiste. Bekannte und meist vergessene Gesichter. Er blätterte zügig durch die Seiten, bis er auf ein Porträt Claires stieß, das sie bereit für ihren ersten Ball, glücklich und mit einem kaum zu unterdrückenden Lächeln zeigte. Von dem Weiß ihres Kleides hob sich ein Granatencollier ab, das ihre Mutter ihr für diese Gelegenheit geliehen hatte. Einige Minuten lang konnte Carson den Blick nicht von dem Porträt abwenden. Als er es schließlich tat, riss er den Umschlag mit zitternder Hand auf und spürte die Stimme seiner Schwester, als er las:

„Lieber James, Lord Brian Carson ist tot. Eines Morgens stand er einfach nicht mehr auf. Ich kann ihn nicht Vater nennen, denn das war er nie. Die Tränen, die ich vergossen habe, waren nicht aus Trauer. Ich habe wegen Mama, wegen Dir und wegen mir geweint. Wegen der Anstrengungen, die es uns gekostet hat, uns von seinem Einfluss fernzuhalten. Ich schicke dir ein paar alte Bilder, die ich nicht anschauen möchte. Entscheide du, ob sie für den Meeresboden bestimmt sind. Mein Leben füllt sich von nun an mit fröhlichen Landschaften und lächelnden Gesichtern. Ich möchte, dass du Mamas Spiegel aufbewahrst, den Spiegel, in den sie uns als wir klein waren blicken ließ, denn sie sagte, dass er nur das Gute widerspiegelte. Viel Glück, mein Bruder. In Liebe. Claire.”

 

Das Salz des Meeres schien sich auf Carsons Lippen gelegt zu haben. Doch es waren in Wirklichkeit seine Tränen. Warme und stille Tränen, hervorgerufen durch die Erinnerung an Claire. Diesen Tränen folgten jedoch bald weitere, viel düsterere Tränen.

 

Lord Brian Carson, Graf von Down, hatte nie Freunde. Er versuchte es noch nicht einmal. Sie fehlten ihm auch nicht. Er bevorzugte es, um sich herum einen Kreis aus Hass und Angst zu schaffen, denn dadurch sicherte er sich eine blinde Untertänigkeit. Seine Familie bildete dabei keine Ausnahme. Seine späte Eheschließung mit Dorothy O’Connell war allein das Ergebnis eines Kalküls, andere Aspekte spielten keine Rolle. Die O’Connell waren ruiniert, er war reich und wollte Nachkommen, die den Fortbestand seines Nachnamens sicherten. Das Werben um die Braut reduzierte sich auf eine geschäftliche Unterhaltung mit seinem zukünftigen Schwiegervater und die Verlobung wurde mit einem kalten Händedruck besiegelt, bei dem die Braut nicht einmal anwesend war.

 

Dorothy akzeptierte die väterliche Anweisung, denn dadurch sicherte sie das Überleben ihrer Familie. Nach einer traurigen Hochzeit ohne Gäste zog sie in das Haus, das von diesem Moment an ihr Zuhause sein würde: ein riesiges, trostloses Herrenhaus. Sollte der cholerische und brutale Charakter ihres Mannes einen Vorteil haben, dann den, dass er bei all jenen, die sie umgaben, eine ehrliche Zuneigung Dorothy gegenüber hervorrief.

 

Nach der Geburt Claires, der Erstgeborenen, wurde Lord Brian noch schweigsamer. Er wollte einen Sohn. Er war enttäuscht und lehnte es ab, diesem lächelnden Geschöpf auch nur die mindeste Aufmerksamkeit zu widmen. So traf Claire nie auf die ausgebreiteten, wartenden Arme ihres Vaters, als sie anfing zu laufen. Die Geburt James, drei Jahre später, milderte seinen Charakter jedoch auch nicht. Im Gegenteil, er wollte aus dem Jungen ein Ebenbild seiner eigenen Besessenheit, Abgeschiedenheit und Strenge machen.

 

James wuchs unter der ständigen Beobachtung seines Vaters auf, der keine Gelegenheit versäumte, ihm die schwierigsten Aufgaben zu stellen und ihn mit der strengsten Härte zu behandeln. Die Vormittage, an denen Lord Brian sich der Verwaltung seiner Besitztümer widmete, stellten den einzigen Moment des Glückes für den Rest der Familie dar. Dorothy, Claire und James spielten, lachten und umarmten sich mit der Gewissheit, dass sie diese Momente dem Elend des restlichen Tages abgerungen hatten.

 

Während er den Lehrplan für James entwarf, der seiner Meinung nach eine besorgniserregende Anhänglichkeit gegenüber seiner Mutter und seiner Schwester aufwies, beschloss Lord Brian den Jungen in einen Gladiator zu verwandeln. Rugby und Boxen waren die erwählten Sportarten. Etwas später kam dann auch Fechten hinzu, ein Zugeständnis an die wachsende Mode in der Oberschicht. James genoss den Umgang mit den anderen Jungen in den langen Trainingsstunden und den Rugbyspielen. Er liebte das intelligente Spiel des Fechtens, doch fühlte er sich nie wohl, wenn er unter den aufmerksamen Blicken seines Vaters boxte, denn dieser forderte von ihm, fern von allen Regeln, das Verhalten einer blutrünstigen Bestie, so als ob das einzig akzeptable Ergebnis eines Kampfes die Demütigung und das Vernichten des Gegners wären.

 

Die Luft in der Sporthalle war erdrückend. An diesem Abend hatten sich Dutzende von Zuschauern eingefunden, die, nachdem sie ihre Wetten abgegeben hatten, rauchten und gemächlich aus ihren Flachmännern tranken. Es war einfach nur ein weiterer Kampf. Allein für Lord Brian Carson, der sich an den Seilen des Rings festkrallte, schien er von lebenswichtiger Bedeutung zu sein und er schrie rasend vor Wut:

 

„Benutz die Linke! Benutz die Linke! Siehst du es denn nicht? Töte diesen unnützen Maturin! Hau’ ihn endlich um!“

 

Die Stammbesucher, die sein Verhalten gewöhnt waren, nahmen ihn kaum war, doch seine Stimme bohrte sich in das Gehör von James, der Kopf schien ihm zu zerplatzen. Er wollte seine Schreie, die wie aus einem Albtraum stammten, nicht mehr hören, er wollte ihn für immer zum Schweigen bringen, ein für alle Mal. Und er benutzte die Linke mit all seiner Kraft. Als das warme Blut Henry Maturins ihm auf die Schulter spritzte, schien James wieder zu sich zu kommen. Doch er tat dies, um zu sehen, wie sein Freund zusammenbrach und unwiderruflich leblos auf der Matte liegen blieb.

 

James liebte seinen Vater nie, aber er versuchte, ihm gegenüber gleichgültig zu bleiben. Der Tod Henrys ließ jedoch seine latente und unterdrückte Wut zutage treten. Dieser Tyrann hatte aus ihm ein Wesen ohne Willen gemacht, ein Wesen ohne den nötigen Mut ‚nein’ zu sagen. James gab alles auf. Monatelang wurden zwei oder drei Spielhäuser von schlechtem Ruf zu seinem Zuhause und eine Handvoll arbeitsloser Freunde zu seiner Begleitung. Er schrie seinem Vater all das, was er jahrelang verschwiegen hatte, ins Gesicht, er warf ihm die Boxhandschuhe vor die Füße und zum ersten Mal wusste Lord Brian nicht, was er antworten sollte. Wenig später starb Dorothy und James beschloss fortzugehen. Ein Schiff, andere Orte, ein anderes Leben. Sein Leben.

 

James Carson

Kapitel VII Juan de Mengíbar „Man schrieb das Jahr 1901, das Jahr in dem Juan siebzehn Jahre alt wurde. In Córdoba registrierten nur die Kalender die Jahrhundertwende. Die Stadt bewahrte ihren beständigen Charakter, der gleichzeitig lebendig und gelassen, an Traditionen gebunden und vor Geist und Witz sprühender Art war.“ 

„Ihr Träger, redlich und tapfer: In den Himmel mit ihr!“

 

Plötzlich erhob sich der Paso der Schmerzensmutter Maria auf Befehl des Ältesten der Bruderschaft. Der Rauch der Kerzen hinterließ einen horizontalen Schweif am Nachthimmel.

 

Für jeden, der in Córdoba geboren worden war, war dies kein neues Bild. Aber Juan de Mengíbar spürte ein kurzes Stechen in seinem Magen und eine heftige Hitzewallung, die ihm für kurze Zeit die Sicht vernebelte und ihm den Atem nahm. Er spürte dabei eine unbekannte Präsenz, etwas wie ein Versprechen, das die Zeit erfüllen würde.

 

Man schrieb das Jahr 1901, das Jahr in dem Juan siebzehn Jahre alt wurde. In Córdoba registrierten nur die Kalender die Jahrhundertwende. Die Stadt bewahrte ihren beständigen Charakter, der gleichzeitig lebendig und gelassen, an Traditionen gebunden und vor Geist und Witz sprühender Art war.

 

Wie jedes Jahr, wurde im Frühling der Geruch von Basilikum und Pferdemist aus den Kavallerien durch den Duft der Orangenblüten und des Jasmins vertrieben. Das Plätschern der Brunnen, die Gespräche der Frauen, die sich ihnen mit ihren Krügen näherten und das Stimmengewirr der Knirpse, die auf der Straße spielten, verstummten, wenn die Prozessionen mit ihrem ehrwürdigem Schritt den überwältigenden Pulsschlag der Stadt markierten.

 

Die Karwoche ging vorüber und ebenso das Fest der Maikreuze. So ging ein weiteres Jahr ins Land. In der Silberwerkstatt seiner Familie arbeitete Juan weiter unter der Aufsicht seines Großvaters Antonio. Der Junge ist klug und lernt schnell, dachte sein Großvater, wenn er auch in letzter Zeit bedächtiger und gleichzeitig nervöser ist, so als ob er auf ein Ereignis wartete, das, obgleich vorhersehbar, nicht weniger aufregend war. Das war lediglich der Eindruck des Großvaters. Doch es stimmte, Juan wartete nicht mehr ungeduldig auf das Ende des Arbeitstages, um dann seine Freunde an der ‚Fuente del Potro’ zu treffen. Er hielt sich damit auf, die feinsten Stücke zu bearbeiten, neue Formen zu suchen, andere Kombinationen, ein unbekanntes Glänzen. Der Großvater sang, während er an einer Brosche arbeitete.

 

„Durch die engen Gassen,

die zu deinem Hause führen,

wandert meine Seele“

 

“Ich dachte gerade …”

“Was denn Großvater?”

 

„Wenn du morgen aus dem Hause trittst,

mein Mädchen, wirst du spüren,

wie sie mit meinen Tränen gepflastert sind.“

 

Der Großvater konnte dieses Volkslied Hunderte Male hintereinander singen.

„Großvater …“

„Ja?“

„Du dachtest gerade über etwas nach.“

„Ja. Ich dachte gerade, dass es an der Zeit ist, dass ich Said schreibe. Er hat dir sicher einiges beizubringen.“

 

 

Das Schiff legte gegen Mittag in Tanger an. Die Sonne strahlte gewaltig von den Fassaden wider. Die Meeresbrise zersauste ihm das Haar. Said Amar erwartete ihn und drückte ihn fest an sich.

 

„Dein Großvater hat mich nicht belogen. Du bist genau wie er. Wir werden sehen, ob du auch so gewandt mit dem Körner umgehen kannst wie er.“

 

Said war einer der angesehensten Juweliere in Tanger. Er und Antonio de Mengíbar lernten sich in jungen Jahren kennen und bewahrten über die Jahre hinweg eine enge Freundschaft und eine treue professionelle Zusammenarbeit. Es gab keine Geheimnisse zwischen ihnen. Vielleicht hätte man meinen können, dass sie keine Konkurrenten waren. Die Erklärung war jedoch vielmehr, dass sie wussten, welch großer Genuss es war, seine Entdeckungen zu teilen; ein Genuss, mindestens genau so groß, wie der der Entdeckung selbst.

 

Juan fand in dem Juwelier aus Tanger einen Meister sowie einen Bezug zur Jugend seines Großvaters. Diesen würde er nie wieder mit gleichen Augen betrachten, nachdem Said ihm bei langen Teenachmittagen auf nostalgische und gleichzeitige humorvolle Art von ihren Abenteuern berichtet hatte. Die Tage vergingen im weißen Licht der Sonne. Nach der Arbeit in der Werkstatt spazierte er durch die Kasbah und erfreute sich am Charme der Basare. Tanger war ein Mosaik; ein herrlicher Ort.

 

Eines Nachts stieg er auf der Suche nach dem Hauch eines Lüftchens auf die Dachterrasse. Im Haus gegenüber färbte sich eine Gruppe von Frauen die Hände mit Henna. Unter ihnen viel ihm eine junge Frau auf, die sich anlehnte und sang, während sie sich bemalen ließ. Er kam auch die nächsten Nächte wieder. Die junge Frau sang immer die gleiche Melodie. Eines Nachts blickte sie ihn an. Das war das erste Mal. Von da an wurde jede Abenddämmerung zu einer Verabredung. Eines Morgens beschloss Juan, sich hinter der Tür zu verstecken und so lange zu warten, wie es nötig sein würde. So lange, bis sie aus dem Haus trat.

 

„Durch die engen Gassen,

die zu deinem Hause führen,

wandert meine Seele“

 

Als sie endlich begleitet von einer Magd aus dem Haus kam, folgte er ihr durch das Labyrinth der Medina, bis sie auf den Großen Basar gelangten. Als sie sich an einem der Stände aufhielt, sprach Juan sie endlich an:

 

„Deinen Namen, sag mir nur deinen Namen.“

„Manaar“

„Manaar?“

„So hieß meine Großmutter. Eine mutige Frau. Ich war ihre erste Enkelin. Es bedeutet ‚Haus des Lichts’. Nun geh’.“

 

Zwei Tage später übergab die Magd, die Manaar begleitet hatte, Juan ein Papier. Auf ihm stand klar geschrieben ein einziger Satz: „Ich werde morgen, wenn sich alle zurückgezogen haben, auf die Dachterrasse kommen.“

 

Die Zeit des Wartens ist endlos und tausend Jahre des Glücks entfliehen einem wie eine Gazelle. Dies war es, was ihr Lied besagte, meinte später Manaar und es stimmte.

 

Eine Leiter diente als Brücke, um die kurze Distanz zwischen den beiden Häusern zu überwinden. Manaar wartete auf ihn. Als er sie umarmte, spürte Juan, wie sich in seinem Inneren ein Knoten löste, der vor langer Zeit geknüpft worden war und wie ein paar Worte ‘in den Himmel mit ihr’ wieder erklangen. Wenn es den Himmel gab, so war er zweifellos auf dieser Dachterrasse in Tanger. Manaar legte ihren Schleier um Juans Hals. Sie lächelte. Ihr Name wurde ihr gerecht. Ihr ganzes Wesen strahlte ein helles Licht aus, ohne Schatten, ohne Zweifel.

 

In den jeweils anderen versunken, vergaßen sie die Zeit und alles andere um sich herum und ahnten nicht, in welcher Gefahr sie schwebten.

„Du Schwein, das wirst du bereuen.“

 

Die Stimme erklang hinter seinem Rücken. Juan reagierte voller Wucht, doch bevor er etwas tun konnte, hatte er ein Messer an der Wange, das ihn zwang, den Kopf nach vorne zu drehen. Eine weitere Klinge blitzte in der Dunkelheit auf, um sich an den Hals Manaars zu legen.

 

„Rühre dich nicht, sonst kommt es sie teuer zu stehen,“ flüsterte die Stimme.

 

Manaar wollte sich losreißen, biss in die Hand, die sie festhielt und in dem Gerangel rollten die Perlen ihrer Kette über den Boden. Geführt von der Magd, tauchte ein dritter Mann auf. Dieser half, Juan de Mengíbar festzuhalten, während Manaar in Richtung des Hauses geschleppt wurde. Die Magd hatte sie verraten. Es waren zwei gegen einen und sie waren bewaffnet. Er leistete keinen Widerstand. Er ließ sie spüren, wie sein Körper sich entspannte, denn in diesem Moment war seine Schwäche seine einzige Waffe. Er bemerkte, wie der Druck auf seinen Hals leicht nachließ. Mit einem Fußtritt brachte er den anscheinend Jüngeren der Angreifer ins Wanken. Während dieser auf den Boden stürzte, wand sich Juan, doch der Mann, der ihn festhielt, war stark und sein Kumpan brauchte nicht lange, um das Gleichgewicht wiederzufinden. Die Schläge, die er erhielt, kamen einer nach dem anderen, genau kalkuliert und präzise. Er hatte keine Möglichkeit, auf sie zu reagieren. Juan brach zusammen und hörte erneut die bedrohende Stimme:

 

„Du wirst lernen, nicht anzublicken, was dir nicht zusteht.“

 

Es war ein sauberer Schnitt.

 

„Entferne die Leiter“, hörte er die Stimme sagen, als sie davongingen.

 

Kurz darauf wurde es Tag. Er erfuhr nie, wie er von dort weggekommen war. Man erzählte ihm, dass es drei Tage dauerte, bis er das Bewusstsein wiedererlangte. Er verlor das Auge. Als er sich erholt hatte, verließ er zwei Wochen später das Haus Saids Richtung Hafen. Seine Schritte entfernten sich langsam, im Rhythmus des alten Volksliedes von der engen Gasse. Wenn du morgen aus dem Hause trittst, mein Mädchen, wirst du spüren, wie sie von Tränen gepflastert ist. Während der Rückreise wurde Juan klar, dass er nicht in Córdoba bleiben würde. Die Welt war zu aufregend, um ihr den Rücken zuzukehren. Er liebte die Seefahrt. Das Meer könnte eine gute Wahl sein, vielleicht die Beste. Er fand Arbeit auf einem Handelsschiff, das Richtung Brasilien ablegte. Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, umarmte ihn Antonio de Mengíbar.

 

„Viel Glück, mein Junge.“

„Alles wird gut.“

 

Als sie sich aus der Umarmung lösten, wollte Antonio etwas sagen. Einen Moment lang schien er es jedoch zu bereuen. Doch dann knöpfte er sein Hemd auf. Eine Narbe überkreuzte seine Brust.

 

„Sie hieß Manaar, jetzt kannst du es wissen.”

 

James Carson

Kapitel VIII Die tausend Gesichter Javas „Die Fumarole waren auf geringe Entfernung sichtbar und der Kamin des Bromo stieß eine Aschewolke aus, die den Horizont verfinsterte“ 

 

Die bunte Truppe folgte der Route im Schatten des Bromo, des beeindruckendsten Vulkans der Tengger Caldera. Sie waren auf dem Weg nach Surabaya, um eine Ladung Teakholz zu verschiffen. Nach zwei Tagen des Weges hatten die Männer, Pferde und Elefanten einen gemächlichen aber stetigen Rhythmus inne. Der Marsch war lang und man musste die Kräfte einteilen.

 

Carson erinnerte sich an die alte Legende, laut derer König Joko Seger und seine Königin Roro Anteng den Gott des Vulkans um die Kinder baten, die sie sich so sehr wünschten. Der Gott erhörte sie und schenkte ihnen fünfundzwanzig Kinder. Doch nach einiger Zeit forderte er, dass der Jüngste, ein hübscher Junge namens Dian Kusuma, als Dank an ihn in den Flammen geopfert werden müsse. Völlig außer sich, weigerte sich die Königin, das Versprechen einzulösen. Doch um zu vermeiden, dass der Zorn des Gottes das Königreich zerstörte, opferte sich der junge Dian, in dem er sich in den Vulkan stürzte. Seitdem besänftigten die Bauern den Vulkan, indem sie Gemüse, Hühner und Geld in den Krater warfen.

 

Carson fand, dass der Südosten Javas einer der schönsten Flecken der Erde war. Der Himmel war unglaublich klar und die Stille fast unwirklich.

 

Die Tiere schienen seine Meinung jedoch nicht zu teilen, denn sie waren unruhig. Und Escarrabelli und Merlone teilten sie natürlich auch nicht, denn die Nähe des Vulkans rief in ihnen die Erinnerung an die Ausbrüche des Vesuvs in den Jahren 1926 und 1929 wach und sie beschrieben sie dem Rest der Besatzung bis ins kleinste Detail, indem sie die Stimme erhoben und gestikulierten, als befänden sie sich auf einer Bühne.

 

„Der Ausbruch von 1906 war jedoch noch schlimmer, sagte Escarrabelli. Es starben hunderte Menschen, unter ihnen Aldo, der Bruder meines Großvaters, und der Vulkan spuckte Lava, wie er es bis dahin noch nie getan hatte.”

„In jedem dieser Löcher lebt ein Teufel, fügte Merlone hinzu. Befeuchtet eure Tücher und legt sie euch über den Mund. Die Luft ist voller Schwefel.”

 

Alle befolgten seine Anweisung. Die Fumarole waren auf geringe Entfernung sichtbar und der Kamin des Bromo stieß eine Aschewolke aus, die den Horizont verfinsterte. Die Luft wurde dick und stickig. Die Träger tuschelten. Ein Pferd stieg. Sogar mit dem Tuch über dem Gesicht brachte die Nervosität Escarrabelli zum Sprechen:

 

„Es ist besser, wenn es nach Schwefel riecht, denn wenn es nicht mehr riecht, wirkt es bereits. Santa Madonna! Dann gibt es kein Entrinnen mehr. Onkel Aldo, er ruhe in Frieden …“

„Es reicht, Escarrabelli,“ schnitt Carson ihm das Wort ab. „Lass den armen Onkel Aldo in Frieden ruhen.“

 

Es waren die zwei Gesichter des Vulkans: einerseits die Bedrohung und andererseits die fruchtbaren Böden aus Vulkangestein, die die Bauern mit Sorgfalt kultivierten, und der Abbau von Schwefel, den sie an die Schießpulverfabrikanten verkauften.

 

Neha, die die Neapolitaner ständig zum Lachen brachten, zeigte nun ein besorgtes Gesicht. Carson schloss zu ihr auf und lief neben ihr her. Er hatte nicht einmal Zeit, ihr die Hand auf die Schulter zu legen, bevor eine dumpfe Erschütterung den Treck durchrüttelte und ihn zum Stillstand brachte. Die Pferde wieherten und die Elefanten, drehten sich erschrocken um sich selbst.

 

Der Himmel verdunkelte sich und eine Aschewolke hüllte sie ein. Einem starken Beben folgte ein schreckliches Getöse. Der Vulkan begann rot glühende Steine zu spucken, die den Abhang hinunter rollten. Die Erde spaltete sich. Der rasende Koloss spie Asche und Lava, während sich am Boden tiefe Krater öffneten. Als die Pferde ausrissen, stürzten sie zwei der Träger, die sie festhalten wollten, in eine dieser Spalten. Die Männer konnten nichts für sie tun und sie mussten mitansehen, wie die Erde die Träger verschluckte. Mehrere ihrer Kameraden flohen vor Todesangst. Auf Nehas Befehl hin schaffte es Dwipa seine Autorität bei der Herde durchzusetzen. Die Elefanten stellten sich Rücken an Rücken zusammen und suchten Schutz in der Geborgenheit der Gruppe.

 

„Hilfe!“, schrie Merlone.

 

Carson sah, wie er versuchte, das Pferd aufzuhalten, auf dem John Good saß und das sich, völlig außer Kontrolle, einer Spalte näherte, die sich wie ein Höllenschlund geöffnet hatte, um eine glühende Rauchwolke auszuspeien. John ließ die Zügel los und schaffte es, einen Fuß aus dem Steigbügel zu befreien, doch das Pferd jagte weiter davon und John Good fiel auf den Boden. Durch den rasenden Galopp des durchgegangenen Tieres schaffte er es nicht, seinen anderen Fuß zu befreien und zusammen verschwanden sie im Inneren des Kraters, der sich kurz darauf schloss und sie für immer in seinem Inneren begrub.

 

Carson hielt Merlone fest, der bewegungslos an dem Ort stand, an dem sich bereits John Goods Grab befand.

 

„Lass uns gehen, es ist vorüber”, sagte Carson.

„Schnell, alle hier entlang. Folgt mir!”, schrie Neha.

 

Die junge Frau zeigte auf ein kleines Tal, das eine Reihe von Palmen säumte. Die Gruppe machte sich auf den Weg dorthin, in der Anzahl ihrer Mitglieder reduziert, schweigsam und traurig. Weder die Partikel, die in der Luft schwebten und das Atmen erschwerten, noch die dröhnenden Windstöße, mit denen der Vulkan zu atmen schien, noch die fortwährenden Beben der Erde schienen nun einen von ihnen zu beunruhigen. Am Leben, verletzt und völlig verwirrt, beeilten sie sich, zu fliehen.

 

Anfangs dachten sie alle ohne Ausnahme, dass ihre Fantasie ihnen einen üblen Streich spielte. Manche rieben sich die Augen, die vom Rauch gereizt waren, andere atmeten langsam und versuchten, in die Realität zurückzukehren, doch die Vision blieb. Hinter dem Vorhang des Nebels, der sie einhüllte, betete ein Chor eine Litanei. Das flackernde Licht von Duzenden von Kerzen, die näherkamen, verlieh der Szene einen Hauch von einem Traum. Nach und nach wurde das Bild schärfer. Es waren Jungen und Mädchen, die einen roten Sarong und einen schwarzen Turban trugen. Ihre Lippen waren mit einem intensiven Rot bemalt. Sie schienen das Ebenbild des kleinen Buddhas aus Glas zu sein, den sie um den Hals trugen.

 

Die Kinder näherten sich der überraschten Truppe, und während sie erneut ihr Gebet anstimmten, setzten sie sich an den Kopf der Gruppe und führten sie in ihr Dorf. Die sanftmütigen und gastfreundlichen Erwachsenen nahmen sie in Empfang und in ihren Häusern auf. Sie heilten ihre Wunden und stellten Opfergaben für ihre Toten auf den Altaren auf. Diese Menschen waren die sogenannten ‚Beobachter des Himmels’, eine der wenigen buddhistischen Gruppen der Insel. Sie waren als kunstfertige Glashandwerker bekannt. Der Kopf Buddhas, den die Kinder um den Hals trugen, war ein Schutz vor dem Vulkan. Alle verschieden, stellten sie die tausend Gesichter Javas dar.

 

„So viele, wie die Vulkane und so viele wie die Gefahren”, sagte Setiawan, der Dorfälteste, als er Carson bei ihrem Abschied eine Kette voller Köpfe aus Kristall überreichte.

 

Der Vulkan war ruhig, als Carson und die seinen sich wieder auf den Weg machten.

 

Bereits in Surabaya, an der Meerenge, die die Stadt von Madura trennte, blickten Carson und Neha auf das Meer.

 

„Weißt du was, James? Als ich jene Gruppe von Kindern inmitten des Durcheinanders und des Rauches auf uns zukommen sah, dachte ich, es wären die Kinder von Joko Seger und Roro Ateng, die gekommen waren, um ihren Bruder Dian zu holen und ich glaubte, sie würden uns helfen die Verschollenen zurück zu gewinnen. Es war nur ein Moment, eine Art von Traum. Er dauerte nicht lange.“

„Die Rad der Zeit dreht sich nie zurück, obgleich es uns schmerzt“, sagte James.

„Mir ist es auch lieber, dass diese Kinder Wirklichkeit sind und dass ihr Mut und ihre Güte es ebenso sind.“

„Mir auch“, stimmte Carson ihr zu, und nahm ihre Hand, die die junge Frau ihm entgegenstreckte.

 

Sie wussten, dass wenn der Vulkan das nächste Mal erwachte, die Jungen und Mädchen des Dorfes sich ankleiden und die Lippen rot färben würden. Rot und schwarz, die Farben des Feuers und der Lava. Auf diese Weise und mit ihrem Buddha um den Hals, hatten sie nichts zu befürchten. Deshalb setzten sie sich der Gefahr aus und konnten jenen zu Hilfe eilen, die sie benötigten. Zweifellos ein schönes Leben.

Trotz der Verluste war das ihre das auch, dessen waren sich die beiden sicher.

 

James Carson

 

Kapitel IX Jaipur, die rosafarbene Stadt „Plötzlich verstummte der Lärm des Marktes. Es näherte sich eine mit Brokat geschmückte Sänfte, die von vier Pagen getragen wurde. Ein zarter goldbestickter Vorhang flatterte im rhythmischen Takt, den die Träger vorgaben, und schützte die Person im Inneren vor den neugierigen Blicken der Menge. Die Sänfte machte plötzlich Halt und ihr entstieg eine majestätische Dame, die gelb gekleidet war. Sobald sie vorüberschritt, verneigten sich die Menschen und die Kühnsten unter ihnen küssten den Saum ihres Saris.“

 

 

Carson wollte die Made’s auf offenem Meer erproben. Die Männer waren einverstanden. Juan de Mengíbar erwähnte Jaipur. Edelsteine, Teppiche, Seiden und Ashok, ein alter Bekannter. Es klang gut, doch er schien die Idee alsbald zu verwerfen.

„Die Stadt liegt im Landesinneren.“

„Ist das ein Problem?“, fragte Carson.

“Kommt darauf an, wie man es betrachtet,” antwortete Juan. Die Made’s segelte bis Ceylon, um die Schiffsräume mit Tee, Zimt und Muskatnuss zu füllen. Danach fuhr sie an der Küste Indiens entlang und legte in Bombay an. Von dort aus fuhren die Männer und die Schiffsladung in zwei Leyland-Lastwagen quer durch das Land, bis sie in der rosafarbenen Stadt ankamen.

 

Die Märkte Jaipurs waren nicht mit dem von Padang zu vergleichen, auf dem Neha die Mannschaft kennengelernt hatte. Während Carson mit Ashok über Geschäfte verhandelte, boten Escarrabelli und Merlone ihr an, sie an diesem Nachmittag zu begleiten.

„Wie zwei neapolitanische Gentlemen“, sagte Merlone. Und nach einer eleganten Verbeugung bot Escarrabelli ihr würdevoll den Arm an. Die Farbenpracht übertraf um Längen die Schilderungen, mit denen die beiden Vetter die junge Frau fortwährend unterhielten, während sie durch die überfüllten Gässchen spazierten. Die Gerüche waren unbeschreiblich und die Schönheit der in herrliche Saris gekleidete Frauen war so unglaublich, dass man sie nicht in Worte fassen konnte. Vor den Augen ihrer vergnügten Begleiter drehte sich Neha lachend und erstaunt im Kreis. Sie brauchte eine Weile, bis sie ihren Blick auf einen Stand mit Seiden heftete. Mehrere Stücke erweckten ihr Interesse. Sie konnte sich nicht entscheiden. Plötzlich verstummte der Lärm des Marktes. Es näherte sich eine mit Brokat geschmückte Sänfte, die von vier Pagen getragen wurde. Ein zarter goldbestickter Vorhang flatterte im rhythmischen Takt, den die Träger vorgaben, und schützte die Person im Inneren vor den neugierigen Blicken der Menge. Die Sänfte machte plötzlich Halt und ihr entstieg eine majestätische Dame, die gelb gekleidet war. Sobald sie vorüberschritt, verneigten sich die Menschen und die Kühnsten unter ihnen küssten den Saum ihres Saris. Die Frau steuerte auf den Stand zu, an dem Neha sich nicht zwischen einer purpurfarbenen Seide und einem smaragdgrünen Stoff aus Gaze entscheiden konnte.

„Seide, zweifellos, und gelb“, sagte die Frau und wählte einen der dargebotenen Stoffe aus.

„Das ist die Farbe der Sonne und der Freude und du bist eine schöne junge Frau. Woher kommst du?“

„Aus Padang“

„Bist du alleine?“

„Nein, ich begleite ein paar Seeleute.“  Escarrabelli und Merlone stellten sich neben Neha.

„Ich erwarte euch alle heute Abend zum Essen. Ihr werdet mir die Neuigkeiten von anderen Orten berichten.“

„Uns alle, meine Dame?“, fragte Merlone.

„Selbstverständlich. Und du, mein Mädchen, bring dieses goldene Kleidungsstück mit. Es ist mein Willkommensgeschenk an dich und ich werde dir zeigen, wie man es anlegt.“ Der Händler verneigte sich ehrerbietig. Die Dame ging ihres Weges und trat in den Laden eines Schmuckhändlers.

„Sie hat ihre Farbe für dich ausgesucht. Du kannst dich glücklich schätzen,“ sagte der Händler.

„Wer ist sie?“, fragte ihn Neha.

“Sie ist die Maharani, die mich gewöhnlich mit ihrem Besuch ehrt.“

 

Die Verabredung war im Palast der Winde. Als Neha und die Männer eintrafen, führte ein Diener sie bis zu einem Pavillon, der im Garten aufgestellt war. Dann gab er einem Jungen, der neben einem Brunnen stand, ein Zeichen und dieser näherte sich.

„Führe die Dame in die Gemächer der Maharani. Sie wartet auf sie.” Neha folgte dem Diener durch mehrere Innenhöfe. Galerien mit reich verzierten Marmorbögen, rote und weiße Gebäude, Elefantenskulpturen … ein luxuriöser Anblick. Neha war so beeindruckt, dass sie sich gar nicht sattsehen konnte. Die Maharani wartete an einer Jalousie stehend auf sie.

„Die Maharadschas von Jaipur waren schon immer ein kriegerisches Geschlecht, das es gewohnt ist, sein Gebiet und seinen Reichtum zu verteidigen. Reich und eifersüchtig. Sie bauten diesen Palast, damit die Frauen ihrer Familie die Straße sehen konnten, ohne gesehen zu werden. Was hältst du davon? Was denkst du darüber, du, die du mit einer Gruppe von Seeleuten reist?“

„Es sind meine Freunde, Hoheit.“

„Dann kannst du dich glücklich schätzen. Komm näher, ich werde dir zeigen, wie man den Sari anlegt.“ Die Maharani half Neha, sich in die Seide einzuwickeln, die sanft raschelte, als sie ihren Körper berührte. Sie legte ihr an ihrem linken Arm zwei Armreifen an und streifte ihr an der rechten Hand einen Ring über.

„Ich kann dich dem Maharadscha vorstellen. Du wirst ihm gefallen. Könnte es nicht interessant für dich sein, im Palast zu leben?“ Neha wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Das Angebot dieser faszinierenden Frau brüskierte sie nicht, es erfüllte sie vielmehr mit einem tiefen Mitleid.

„Wenn du bleibst, werde ich deine Freunde natürlich großzügig behandeln“, sagte die Maharani.

„Aber, was ist mit Ihnen?“

„Du meinst, ob der Maharadscha mich liebt?“ Die Frau schwieg einige Sekunden.

„Einst liebte er mich sehr und auf eine intensive Art und Weise. Für einige Zeit. Wie all seine Besitztümer. Er möchte sich auch keiner entledigen, aber keine ist jemals genug. Für einen gewöhnlichen Mann wäre dies eine Tragödie, doch er ist unermesslich reich und kann alles bekommen, was er möchte.“

„Warum genau schlagen sie mir vor …?”

„Wenn ich diesen Palast verlassen würde, würde ich in den Elendsvierteln enden. Alles hat seinen Preis, meine Liebe. Welcher ist der deine?“

„Ich weiß es noch nicht. Doch nicht dieser … “

„Ist einer dieser Männer dein Freund?“

„Ja.“

„In diesem Falle kann keiner deinen Preis bezahlen.“

Als sie in den Pavillon traten, konnte Carson den Schatten, der über Nehas Gesicht lag, nicht interpretieren. Das Essen war köstlich und die Unterhaltung fröhlich. Die Maharani bat jeden ihrer Gäste, eine Legende aus seinem Land zu erzählen. Carson sprach von der Banshee, der Fee, die durch ihr Wehklagen den bevorstehenden Tod eines Familiemitgliedes ankündigt. Juan de Mengíbar erzählte die Geschichte der Mulattin von Córdoba, Merlone und Escarraelli sangen lieber eine heitere Tarantella. Neha entschuldigte sich. Sie bekam kein Wort heraus. Ihr Hals war wie zugeschnürt.

 

James Carson

Kapitel X Die Liebenden von Valdaro „Die Frau des Bürgermeisters schrieb ein langes Gedicht über die Liebenden und organisierte einen Klub für Fräulein und junge Männer, um eine Aufführung zu inszenieren. Das Grab der Liebenden wurde zu einem Wallfahrtsort, zu dem Gruppen aus der ganzen Gegend pilgerten. Bald schon fanden sich Verkäufer von Süßigkeiten und Erfrischungen ein. Außer den kleinen Kindern und den Alten, die den ganzen Trubel aus einer gewissen Distanz betrachteten, lebte der Rest der Bevölkerung einige Monate lang unter dem Bann der Liebenden.““

 

Sie beluden die Lastwagen und verabschiedeten sich von der rosafarbenen Stadt. Obwohl die Sonne erst in einer Stunde aufging, begann die Hitze bereits unerträglich zu werden. Der Leyland, der von Almeida gefahren wurde, fuhr an erster Stelle in einem sanften und regelmäßigen Tempo, das der Portugiese vorgab. Carson folgte ihm mit dem zweiten Lastwagen. Der Fahrtwind, der durch die Fenster hereinwehte, machte die Temperatur erträglicher. Plötzlich hielt Almeida an. James sah, wie zwei Gestalten, die in einen Streit verwickelt waren, von der Ladefläche des Lastwagens vor ihm fielen. Bei einer der Gestalten handelte es sich um Luigetto, den anderen kannte er nicht. Ein weiterer Mann sprang vom Lastwagen. Es brauchte nicht lange, bis sie sie unter Kontrolle hatten. Ihre Kleidung ließ keinen Zweifel offen. Es waren Männer der Leibwache des Maharadschas. „Weiss der Maharadscha, dass er gewöhnliche Diebe unter seinen Männern hat? ,“ fragte James. „Den Maharadscha wird es überraschen, zu hören, dass ihr, die ihr seine Gastfreundschaft genossen habt, euch so schäbig verhaltet“, antwortete der anscheinend Ältere der beiden. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“ „Ich spreche von der Maharani. Ich muss sie in den Palast zurückbringen.“ „Wir wissen nichts von ihr.“ „Du lügst.“ „Ich habe keine Lust auf Spielchen. Ich werde euch gehen lassen.“ „Der Maharadscha hat seine Informanten. Du wirst nicht weit kommen und je weiter du dich entfernst, um so schlimmer wird es für dich und deine Freunde werden.“ „Er hat recht, James, es war leichtfertig von mir, dich in Gefahr zu bringen“, sagte die Maharani, die aus dem zweiten Lastwagen gestiegen war. „Hoheit!“, rief Neha. „Das bin ich nun nicht mehr. Ich gehe. Wenn nicht auf diesem Lastwagen, mit euch, dann eben so“, sagte die Maharani und zeigte ihnen einen kleinen Dolch, den sie in den Falten ihres Saris versteckt hatte. „Kleine Neha, du bist an allem schuld. Ich sah, wie frei du bist, und wollte es ebenso sein. In diesem Land haben viele Frauen den Sati begangen, sie starben mit ihren Männern, warfen sich bei der Verbrennung seines Leichnams auf den Scheiterhaufen, teilten mit ihm den Tod. Furchtbar, nicht wahr? Und mit ihnen zu leben, wenn sie einen nicht mehr lieben? Das ist noch viel schlimmer. Ich möchte diesen lebenslangen Sati nicht. Ich gehe.” Einer der Wächter des Maharadschas schaffte es, sich zu befreien und ging mit erhobenem Dolch auf die Maharani zu. Ein Schuss ertönte. Scarrabelli und Merlone fesselten den anderen an den Händen.

 

Am Abend, war am Lagerfeuer der Moment für Geschichten gekommen. „Heute früh habe ich mich an eine alte Geschichte erinnert. Sie hat etwas damit zu tun, zusammen zu sterben, Hoheit“, sagte Luigetto während er die Maharani anblickte.

 

„Als ich ein Junge war, fanden Archäologen unweit meines Hauses zwei Skelette, die sich umarmten. Sie schienen vor Liebe gestorben zu sein. Den ganzen Winter über mutmaßten sämtliche Nachbarn über ihr Schicksal. Es gab keine Familie, die nicht behauptete, die Liebenden gehörten zu der ihren. Mehr oder weniger hatten alle unter ihren Vorfahren eine tragische Liebesgeschichte und wer sich an keine erinnerte, erfand einfach eine. Im Kasino, in der Schule, auf dem Platz, am Ausgang der Kirche und in der Apotheke entstanden die seltsamsten Theorien und Erklärungen. Es gab Diskussionen, Freunde, die nicht mehr miteinander sprachen, Verlobte, die sich zerstritten, Wetten … Die Frau des Bürgermeisters schrieb ein langes Gedicht über die Liebenden und organisierte einen Klub für Fräulein und junge Männer, um eine Aufführung zu inszenieren. Das Grab der Liebenden wurde zu einem Wallfahrtsort, zu dem Gruppen aus der ganzen Gegend pilgerten. Bald schon fanden sich Verkäufer von Süßigkeiten und Erfrischungen ein. Außer den kleinen Kindern und den Alten, die den ganzen Trubel aus einer gewissen Distanz betrachteten, lebte der Rest der Bevölkerung einige Monate lang unter dem Bann der Liebenden. Man sagt, dass sich die Anzahl der Fälle seltsamen Benehmens häuften. Die Frauen hatten Ringe unter den Augen und die Männer waren zerstreut. Eines schönen Tages rief der Bürgermeister Don Beppe, den Pfarrer, und Don Vito, den Arzt, zu sich und gemeinsam beschlossen sie, dem Ganzen aus Gründen der Gesundheit und des Gemeinwohls ein Ende zu setzen. Es war absolut nötig, zum normalen Alltag zurückzukehren und Gras über die Sache wachsen zu lassen. Und so wurde es getan. Die Körper wurden wieder mit Erde bedeckt und Don Beppe ging in die Stadt, um eine Statue von San Anselmo de Lucca in Auftrag zu geben, dem Schutzheiligen von Mantua, um diese auf der aufgewühlten Erde aufzustellen. In der Werkstatt des Skulpteurs fing die Figur eines anonymen Heiligen, der zwar etwas gebeugt dastand, glatzköpfig war und offen gestanden eine riesige Nase hatte, bereits Staub. Don Beppe fragte, wer er war. Der Skulpteur wusste es nicht, denn die Figur war bereits vor ihm da gewesen. „Wenn sie an ihr interessiert sind, gebe ich sie ihnen zu einem günstigen Preis“, sagte der Skulpteur. „Sie sollte dem Zweck eigentlich dienen, dieser Heilige ist so gut wie jeder andere“, sagte Don Beppe. Einen Monat später erschien ihnen die ganze Geschichte wie ein Traum. Die Nachbarn hörten auf zu streiten, der Heilige fand seinen Platz und die Liebenden konnten wieder in Frieden ruhen. Aber wir alle in Mantua hegen insgeheim die Hoffnung, sie irgendwann wiederzusehen. Eines Tages vielleicht …“ Juan de Mengíbar dachte an einen wunderschönen Ring. mit Herzen, Rosen und Totenköpfen geschmückt. Ein Ring für zwei Liebende.

 

*** Im Jahre 2007 fand ein Team von Archäologen in einer Vorstadt von Mantua, 45 Kilometer südlich von Verona, der Stadt in der Shakespeare die Geschichte von Romeo und Julia ansiedelte, zwei Skelette aus der Jungsteinzeit, die sich zärtlich umarmen. Dem Anschein nach fand ihr Begräbnis vor zwischen 5000 und 6000 Jahren statt. Bei den Skeletten handelt es sich um einen Mann und eine Frau, die, nach dem perfekten Zustand ihres Gebisses zu urteilen, in jungen Jahren gestorben waren, teilte Elena Menotti, die Direktorin der Ausgrabungen, mit.

 

James Carson

 

Kapitel XI Geheimnisse und Vogelspinnen „Es wurde dunkel, aber die Karte war klar und die Entfernungen gut berechnet. Die Grotte öffnete ihren finsteren Schlund vor Carson, als wäre sie ein schwarzes Loch mitten in der Landschaft. An der Schwelle zu ihrem Inneren erinnerte er sich daran, dass er eigentlich vorhatte, Juan zu bitten, ihn zu begleiten, doch nach einem Streit zwischen Wim und Almeida beschloss er, sich alleine auf den Weg zu machen. Er trat ein. Das flackernde Licht der Laterne blieb an einer sich bewegenden Masse aus Spinnen hängen, bei der die einen über die anderen glitten, als handelte es sich um einen Sandhügel.“

 

„Probleme? Du bis unruhig, Carson“, sagte Marcus Stanley, „eine Luftveränderung wird dir gut tun.“
Er dachte an die seltsame Stimmung, die in den letzten Tagen unter der Mannschaft herrschte. Er spürte auch die angestaute Spannung, die in der Luft lag. Das Meer verlangte von ihnen ein beherrschtes Verhalten, diese ließ jedoch nach, sobald sie an Land gingen. Wahrscheinlich war es nur das. Carson antwortete nicht, obwohl er wusste, dass sein Freund recht hatte.
„Morgen laufen wir in Richtung Sulawesi aus.“
„Das ist aber keine Luftveränderung. Aber da du schon hinfährst, nimm“, sagte er und gab ihm ein sorgfältig gefaltetes Blatt Papier, das er einer Schublade seines Schreibtisches entnommen hatte. „Such die Höhle des Geheimnisses“.
Während er das Papier nahm, sah Carson wie ein kurzes Lächeln über Marcus Stanleys Gesicht huschte.
* * *
Es wurde dunkel, aber die Karte war klar und die Entfernungen gut berechnet. Die Grotte öffnete ihren finsteren Schlund vor Carson, als wäre sie ein schwarzes Loch mitten in der Landschaft. An der Schwelle zu ihrem Inneren erinnerte er sich daran, dass er eigentlich vorhatte, Juan zu bitten, ihn zu begleiten, doch nach einem Streit zwischen Wim und Almeida beschloss er, sich alleine auf den Weg zu machen. Er trat ein. Das flackernde Licht der Laterne blieb an einer sich bewegenden Masse aus Spinnen hängen, bei der die einen über die anderen glitten, als handelte es sich um einen Sandhügel. Das schwächere Licht einer Karbidlampe leuchtete sie ebenfalls an.  Ein Mann, der sich an einen Vorsprung des Felsen lehnte, machte sich nervös Notizen.
„Sulawesi black tarantula, weichen Sie jetzt zurück, wo sie noch können. Sie sollten wissen, dass die Spinnen Ihnen eine Chance geben. Als sie Ihre Schritte gespürt haben, sind einige von ihnen geflohen, aber schauen Sie mal genau hin, die die geblieben sind, strecken sich gerade, denn sie möchten größer erscheinen, als sie sind, um Sie zu erschrecken. Wenn Sie nicht gehen, werden sie Ihnen schon bald ihre Brennhaare entgegenschleudern. Und wenn Sie auf Ihren Irrtum bestehen, werden sie Ihnen die Zähne zeigen. Und dann werden Sie sie beißen. Hören Sie auf mich, noch können Sie entkommen.“
„Und Sie greifen sie nicht an?“
Während Carson rückwärtsging, zeigte der Unbekannte auf ein Medaillon in Form eines Buches, das er um den Hals trug.
„Es beinhaltet eine Zauberformel der Eingeborenen, die mich beschützt.“
„Und daran glauben Sie?“
„Nein, aber ich versichere Ihnen, dass es funktioniert.“
Der Mann streckte die Hand aus.
„Doktor Henry.“
„James Carson. Danke für Ihr Wissen. Es hat mir gerade das Leben gerettet, nicht wahr?“
„Vielleicht. Vogelspinnen sind meine Leidenschaft.”
„Wie bitte?“
Der Mann hatte bereits ein kleines Notizbuch mit einem Einband aus vergoldetem Leder hervorgeholt und zeigte Carson seine detaillierten Zeichnungen, die er mit einer Unmenge von Anmerkungen versehen hatte.
„Diese herzigen Tierchen. Sie sind mit den europäischen Taranteln verwandt, besitzen jedoch interessante Eigenheiten. Entschuldigen Sie. Ich bin Hobbynaturforscher, neige jedoch dazu, meine Entdeckungen in etwas übermäßiger und rücksichtsloser Form mitzuteilen. Und Sie?“
„Handel. Ich habe ein Schiff.”
„Und was könnte es für einen Seemann Interessantes in dieser Grotte geben?“
„Ein Freund hat mir eine Karte gegeben.“
„Ein Schatz?“
„Ein Geheimnis. Ich weiß nicht, um was es sich handelt. Ich war gerade dabei, es herauszufinden.”
„Dann rate ich Ihnen, bei Tage wieder zu kommen. Die Vogelspinnen, nennen wir sie zur Vereinfachung so, sind nachts auf Raubfang. Zu dieser Zeit macht der Hunger sie gefährlich und aktiv. Morgen bei Sonnenaufgang ist der beste Zeitpunkt, die Höhle zu besuchen. Wenn Sie möchten, kann ich mit Ihnen den Schutz meines Amulettes teilen. Natürlich verspreche ich Ihnen Diskretion und garantiere Ihnen, dass wenn sie eine Truhe voller Gold finden, ich Ihnen nicht eine einzige Münze streitig machen werde.
Carson fand diesen schlaksigen Typen mit seinen tadellosen Umgangsformen und seinem nicht zu identifizierenden Akzent sympathisch.
„Haben Sie Hunger?“
„Ich würde lügen, wenn ich Nein sagen würde.“
„Meine Mannschaft ist am Strand. Begleiten sie mich. Ein unbekanntes Gesicht wird ihnen gut tun.”
Als sie sich näherten, wehte ihnen der herrliche Geruch von über offenem Feuer gebratenem Fisch entgegen.
„Meine Nahrung ist normalerweise recht beschränkt. Es war absolut richtig, Ihre Einladung anzunehmen.“

* * *
Das blaue Auge Luigettos, die kleine blutende Wunde auf der Wange von Wim und die Schweigsamkeit von Almeido wiesen darauf hin, dass während seiner kurzen Abwesenheit der Sturm losgebrochen war. Als Carson ihn fragend ansah, antwortete Juan de Mengíbar mit einer Geste, die ausdrückte, dass der Vorfall nicht von Bedeutung war. Ein Sommergewitter eben, das die Luft gesäubert hatte. So wie Carson es sich gedacht hatte, wirkte sich die Gegenwart des Fremden auf die Mannschaft positiv aus. Es stellte sich heraus, dass Doktor Henry eine erstaunliche Persönlichkeit war. Zehn Monate im Jahr war er Besitzer einer wichtigen Kaffeeplantage im kolumbianischen Hochland, ein gerissener und gewagter Geschäftsmann, doch konnte er dem Ruf der wissenschaftlichen Neugierde, die während dieser Zeit in ihm schlummerte, nicht widerstehen und so widmete er sich während der zwei verbleibenden Monate des Jahres seiner Leidenschaft, den Theraphosidae. Glücklicherweise war sich Yamilet, seine Ehefrau, darüber bewusst, dass sie das einfach so akzeptieren musste.
„Es kommt der Moment, in dem sich Yamilet vor die Tür stellt, mich ernst ansieht und mir sagt: geh zu deinen verdammten, widerlichen Spinnen und komm nicht wieder, bis du den Kopf klar bekommen hast. Und dann gehe ich und sie kümmert sich um alles. Aber vorher gibt sie mir diesen Ring und schreit: Lass dein stinkendes Gift heraus, Verrücktester aller Dämonen!“
Juan de Mengíbar interessierte der Ring. Es war ein wundervolles Stück. Der Hohlraum unter dem riesigen Stein, der im Schein der Glut glänzte, erlaubte es, die nötige Menge jeglichen starken Giftes darin aufzubewahren. Doch er war leer.
„Yamilet liebt Symbole. Sie wuchs bei den Embera Chami auf und hat etwas von einer Hexe. Wenn ich spüre, dass ich alles Gift abgelassen habe, öffne ich den Ring, gebe in sein Inneres etwas Erde des Ortes, an dem ich mich befinde, und gehe nach Hause zurück. Es ist eine wunderschöne Gegend, James, Sie sollten sie einmal kennenlernen.“
„Kaffee …“
“Kaffee, exotische Hölzer. Wenn es Sie interessiert, können Sie auf mich zählen. Übrigens, erlauben Sie mir bitte noch einmal einen Blick auf die Landkarte mit der Lage der Höhle?“
Carson gab sie ihm. Doktor Henry faltete sie sorgfältig auf, holte sein Notizbuch mit dem goldenen Einband heraus und öffnete es. Die Ränder einer herausgerissenen Seite stimmten exakt mit denen der Landkarte Carsons überein.
„Ich fürchte, wir haben einen gemeinsamen Freund. Ich hinterließ Marcus diese Landkarte, damit er mich ausfindig machen könnte, falls es notwendig wäre. Ich glaube, ich bin das Geheimnis, das Sie gesucht haben.“
Am nächsten Morgen waren zwei leere Flaschen Whisky die einzigen Zeugen der nächtlichen Unterhaltung, die zweifellos neue Horizonte eröffnen würde. Bald schon würde das Meer sie fortschwemmen, wer weiß in Richtung welchen Hafens.

 

 

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Kapitel XII Perlen und Waffen „Der Flug nach Tahiti war ruhig, der Pazifik lag unter ihnen wie der Rücken eines schlafenden Tieres, zahm unter den Wolken, gesprenkelt mit ein paar kleinen Inseln. Sie machten in Tahiti einen Zwischenstopp und der Franzose brachte sie in sein Haus.“

 

Carson grüßte von weitem Al Davy, einen Amerikaner, dessen Beruf niemandem bekannt war und über den man munkelte, dass er in dunkle Geschäfte verstrickt war und ein doppeltes Spiel trieb. Auf jeden Fall war er gut situiert und meist im Hafen anzutreffen. Er sprach mit einem blonden Unbekannte mit grauen Augen und machte Carson ein Zeichen, dass er zu ihnen kommen sollte.

”James, ich möchte dir Thierry Scherer vorstellen”.

”Angenehm”.

Carson dachte, dass jener Franzose schon wüsste, was Sache war. Außerdem konnte dem Amerikaner nie jemand etwas nachweisen.

Thierry Scherer war der geborene Verführer. Als jüngster Sohn einer Adelsfamilie aus dem Elsass, der an der École Normale Supérieure in Paris ausgebildet worden war, stellten weder die väterlichen Weinberge noch die luxuriösen Büros der Hauptstadt eine Attraktion für ihn dar. Er ließ sich auf Tahiti nieder und bot entweder seine Dienste als Pilot an oder widmete sich dem Handel mit Perlen und Korallen.

Das Leben besteht aus einer Reihe von Zufällen. Carson hatte beschlossen, die Einladung des Doktor Henry anzunehmen und Handel mit ihm zu treiben. Und als die Idee mit Kolumbien Gestalt annahm, tauchte Thierry auf und mit ihm die Möglichkeit, auf schnelle Art und Weise zu reisen.

”Ich brauche dein Flugzeug. Wir fliegen nach Kolumbien”, sagte Carson.

”Gib mir in paar Tage, denn das ist eine lange Reise, antwortete Thierry. Ich muss erst noch ein paar Angelegenheiten erledigen.”

”In Ordnung”.

***

Nach der verabredeten Zeit wartete die Latécoère Laté 28-3 auf sie. Thierrys Männer machten die letzten Vorbereitungen und Checks am Flugzeug, das in den schrägen Strahlen des Sonnenaufgangs glänzte. Juan de Mengíbar, Scarrabelli und Carson machten es sich im Inneren der Maschine bequem, hatten jedoch das Gefühl, sich nicht in ihrem Element zu befinden. Zum ersten Mal seit langer Zeit wurden sie transportiert, anstatt selbst das Ruder in der Hand zu halten. Sie waren schweigsam und nervös.

”Dies ist ein starkes und sicheres Flugzeug. Macht es euch bequem, denn es liegen einige Stunden vor uns. Es gibt aber nichts zu befürchten”, sagte Thierry. ”Bon voyage!” Und dann nahm er seinen Platz in der Kabine ein.

Er ließ die Motoren an und das Flugzeug glitt über die Piste, die aus ein paar Hundert Metern gestampfter Erde bestand. Als die Schnauze des Flugzeugs abhob, drückte sich Scarrabelli mit dem Rücken in den Sitz, um vergebens die Sicherheit zu suchen, die er noch vor ein paar Sekunden gespürt hatte. Er blickte zu Carson und Juan de Mengíbar hinüber, die in der gleichen Position dasaßen. Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

”Santa Madonna, ihr seid ja kreidebleich!”

Der Flug nach Tahiti war ruhig, der Pazifik lag unter ihnen wie der Rücken eines schlafenden Tieres, zahm unter den Wolken, gesprenkelt mit ein paar kleinen Inseln. Sie machten in Tahiti einen Zwischenstopp und der Franzose brachte sie in sein Haus.

”Wir fliegen übermorgen weiter”.

Nach dem Abendessen ließ Thierry den Inhalt einer kleinen Tasche aus schwarzem Samt auf den Tisch gleiten. Auf der blaugrünen Tischdecke lagen zehn oder zwölf dunkle Perlen, die sie mit ihrem Glanz bezauberten. Eine erstklassige Ware, die leicht zu transportieren war und für die jeder erfahrene Käufer gerne bezahlen würde, da er wüsste, dass sein Gewinn die Investition um ein Vielfaches überbieten würde.

”Die besten schwarzen Perlen von Tahiti. Ich kann so viele davon bekommen, wie du nur möchtest. Sie werden eine gute Eintrittskarte für deinen Handel in Kolumbien sein”.

”Perlen gegen Kaffee. Keine schlechte Idee”, sagte Carson.

”Es ist ein Vergnügen, mit Leuten, die etwas davon verstehen, Geschäfte zu machen”, meinte Thierry abschließend und streckte ihm die Hand entgegen.

Es läutete an der Tür. Obwohl es weit nach Mitternacht war, wunderte Thierry das nicht und er ging an die Tür. Nach einem Gespräch, das ein paar Minuten dauerte, kam er wieder und steckte sich einen gefalteten Umschlag in die Tasche seines Hemdes.

Zwei Tage später brachen sie auf, um den zweiten Teil ihrer Reise in Angriff zu nehmen. Unter ihnen lagen Inseln, später unbewohnte Felseninseln, danach kaum noch kleinere Felsen, die mit der blauen Fläche verschmolzen, die immer dunkler wurde, bis es stockfinstere Nacht war.

”Die nächsten Inseln, die wir sehen werden, sind die Galapagos Inseln”, sagte Juan de Mengíbar.

Sie bekamen sie nicht zu sehen. Die Inseln blieben unter dem furchtbaren Gewitter verborgen, das ohne Vorwarnung losbrach und das die Laté stundenlang inmitten der Einsamkeit des Ozeans zum taumeln brachte. Die Ladung rutschte hin und her und der Donner erklang ohrenbetäubend. Der Regen, der gegen die Fenster peitschte, ließ sie sich noch abgeschnittener, noch einsamer und noch verlorener fühlen. Während diese Marter dauerte, blieben die drei Männer schweigsam. Carson dachte darüber nach, ob diese Nacht nicht das Vorzeichen einer unsicheren Zukunft in Kolumbien sei, eine vage Gefahr oder im Gegenteil, die Herausforderung, die es zu bestehen galt, um das amerikanische Abenteuer mit Erfolg zu meistern. Wie auch immer, in Begleitung von Scarrabelli und Juan fühlte er sich sicher. Als das Gewitter vorüber war, kam schon die Küste in Sicht. Niemals zuvor war ihnen das Festland so schön erschienen. Eine neuer Horizont von Möglichkeiten lag vor ihnen.
***

Das Verwaltungsgebiet von Antioquia war von berauschender Schönheit und Doktor Henry war ein vorbildlicher Gastgeber und ein aufmerksamer Fremdenführer. Die Berge, die tiefen Schluchten, die Wasserfälle, die Vegetation … ein überwältigendes Schauspiel.

”Aber täuschen Sie sich nicht, diese Schönheit ist voller Gefahren”.

”Jaguare etwa?”, fragte Thierry.

”Jaguare, Tiger, Pumas, Kaimane, aber ich meine nicht nur die wilden Tiere. In den Städten und in den Bergen wird gekämpft. Es ist nicht ratsam, sich dem Kreuzfeuer auszusetzen. Die Wahlniederlage von 1930 traf die Konservativen unerwartet und sie riefen zum zivilen Ungehorsam gegenüber den Liberalen auf. Tote, Abrechnungen, Hinterhalte und offene Konfrontationen sind an der Tagesordnung. Ja und was soll ich Ihnen sagen, es wird behauptet, dass dieser schmutzige, fürchterliche Krieg von außerhalb unserer Grenzen unterstützt wird. Und ich würde nicht beschwören, dass dem nicht so ist”, sagte Doktor Henry und schwieg.

Als sie auf die Hacienda zurückkehrten, kam Doktor Henry auf Juan de Mengíbar und Scarrabelli zu.

”Freunde, ich möchte kein Unglücksbote sein, aber ich habe so eine Vorahnung, dass mit diesem Franzosen etwas nicht stimmt. Ich habe Don Gustavo, dem Vormann, gesagt, er soll ein paar Männer auf ihn ansetzen. Vielleicht täusche ich mich ja auch”.

”Was denken Sie, Doktor?”, fragte Scarrabelli.

”Er ist ein komischer Kerl. Don Gustavo hat mir berichtet, dass er den Urwald kennt. Er weiß, wie man sich darin bewegt. Er hat gesehen, wie er den Kompass betrachtet und sich Aufzeichnungen gemacht hat. Hegt Carson denn keinen Verdacht?”

”Der Franzose ist genau in dem Moment aufgetaucht, in dem wir ihn gebraucht haben. Das war Zufall”, sagte Juan.

”Zufälle gibt es nicht, Juan. Lassen wir die Sache momentan auf sich beruhen. Bis Don Gustavo uns etwas mehr zu berichten hat”.

Die Wolken senkten sich von den Hügeln herab. Die Dunkelheit brach herein. Es galt abzuwarten.

 

 

 

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